3. Flüchtlingsartikel (2017): „Ohne Deutsch ist alles nichts“

Liebe Leserinnen und Leser,

diesmal steht ein Zeitungsartikel – „Fränkische Nachrichten“, 30.06.2017 – im Zentrum. In diesem Artikel wird der Alltag des Flüchtlingsunterrichts gezeigt – im zweiten Halbjahr des ersten Sprachkursjahrs. Interessant ist dieser Artikel für Schüler, die neu mit Deutsch beginnen. Damals luden wir einen Karosserie-Meister und seinen Azubi in unseren Kurs ein – entscheidend war, was beide verband: Sie mussten erst die deutsche Sprache lernen. Der Meister war Russlanddeutscher, der Azubi Afghane, beide vermittelten glaubwürdig die Verzweiflung der Anfangsphase, gaben aber gleichzeitig Tipps, wie sie zunächst Deutsch lernten, welche Bedeutung für sie die deutsche Sprache hat und wie man nebenbei im Alltag sein Deutsch verbessern kann. Die klare Sprache des Meisters, der präzis formulierte Anspruch an die Flüchtlinge, seine anpackende Lebensphilosophie hinterließen deutlich tiefere Spuren, als wir sie als Lehrer vermitteln konnten. Es war eine Kommunikation auf Augenhöhe: Hier redeten zwei mit den Flüchtlingen, die deren Situation verstanden und erlebt hatten, gleichzeitig aber Klartext sprachen: nicht rumpiensen und rumjammern, sondern anpacken, powern, Leistung bringen!

Mein Tipp: Unbedingt ehemalige Sprachschüler einladen, die glaubwürdig den Neuankömmlingen vermitteln, was Sache ist, was hier gefordert wird und wie man diesen Forderungen gerecht werden kann. Bei uns kamen die beiden „Sprach-Botschafter“ zusätzlich noch aus einem Berufsfeld, das für Flüchtlinge ein berufliches Ziel sein kann, so verbanden wir Sprach-Botschaft mit Berufs-Botschaft – eine ideale Kombination.

Klaus Schenck (2025)

2017

„Wer um ein Warum weiß, erträgt jedes Wie“, Zitat von Nietzsche. Dies kann als Richtschnur der beiden Deutschlehrer Klaus Schenck und Uwe Daub in der Flüchtlingsklasse VABO-2 (Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse) an der Kaufmännischen Schule Tauberbischofsheim angesehen werden. Klassenlehrer Schenck formuliert klar die Forderung nach Eigeninitiative der jugendlichen Flüchtlinge: „Wer nicht bereit ist, Deutsch als Eingangstür zur beruflichen Integration zu begreifen, ist umsonst hier!“ Deutsch-Unterricht müsse keinen Spaß, Deutsch-Unterricht müsse Sinn machen und dadurch erfolgreich sein. Ständig wird den Schülern durch Klassenarbeiten und Vokabeltests ihr Stand, aber auch ihre Lücken vor Augen geführt mit dem Ziel verstärkten Engagements. Dazu kommen klare Regelungen, die als berufliche Vorbereitung konzipiert sind: Unpünktlichkeit, fehlende Hausaufgaben oder Handy im Unterricht werden sanktioniert. In diesem fordernden Umfeld werden die Jugendlichen gezielt auf die berufliche Integration vorbereitet, gleichzeitig wird ihnen auch deutlich vermittelt, dass es ihr Leben hier in Deutschland ist, für das sie und nicht die Lehrkräfte die Verantwortung tragen, diese pädagogische Abgrenzung ist beiden Deutschlehrern wichtig.

Das Ziel heißt bestmögliche Deutschkenntnisse als alleinige Chance einer beruflichen Integration. Folglich haben schon fast alle Flüchtlinge ein Praktikum absolviert, organisiert vom Landratsamt. Julian Wegmann und Michael Mohr als Vertreter des Landratsamtes und Bernd Schaupp von der IHK Heilbronn wurden eingeladen, die beruflichen Anforderungen und Chancen in der Main-Tauber-Region den Schülern vor Augen zu führen.

Eine sehr originelle Idee der Motivation entwickelten Dr. Sabine Münch (Karosserie Münch) und Deutschlehrerin Nicole Mühleck. Dr. Münch ermöglichte, dass Meister Johann Kremer und Azubi Ali Asghar Rezaei in den Deutsch-Unterricht der Klasse kamen – der Meister Russlanddeutscher, der Azubi Afghane. Beide mussten erst Deutsch lernen, beide mussten beruflich Schritt für Schritt Fuß fassen, beide waren Botschafter einer anpackenden Lebensphilosophie. „Was wollt ihr denn hier in Deutschland?“, fragte Kremer die Jugendlichen und machte ihnen klar, „ihr seid nicht eingeladen worden, ihr seid freiwillig hier!“ „Leute, ihr müsst die Sprache lernen, sonst könnt ihr doch gar nicht mit Kunden reden!“ Und Ali ergänzte: „Als ich an der Berufsschule anfing, habe ich fast nichts verstanden, die ganzen technischen Begriffe… Ich habe gelernt, gelernt, gelernt! Und B1-Niveau reicht kaum, B2-Niveau muss es für Berufsschule und Betrieb sein!“ Und ehrlich fügte Ali hinzu: „Am Anfang bin ich fast verzweifelt!“, aufbauend vom Meister: „Das wird immer besser mit der Schule, Ali! Wer will, der kann!“

Foto: Udo Mader

Besonders Johann Kremer gab den Schülern klare Tipps: „Ihr müsst raus, nicht immer nur in der Muttersprache sich unterhalten. Geht in die Vereine, nehmt jede Chance wahr, Deutsch mit Deutschen zu sprechen, macht Praktika, seht regelmäßig deutsches Fernsehen, hört deutsches Radio! Ihr kommt um elf nach Hause, dann tut doch was, hängt euch rein!“ Ali berichtete, dass er sich an jedem Morgen Vokabeln auf die Hand schreibt, um sie zu lernen, dazu kommt abends noch eine Stunde Deutsch-Pauken. Und noch etwas hämmerte der Meister den Schülern ein: „Seid pünktlich, immer vor dem Lehrer da sein, immer zwei Minuten davor und nie zu spät kommen!“ Udo Mader, an der Schule für VABO verantwortlich, lobte am Ende die Flüchtlinge: „Ihr macht ständig beachtliche Fortschritte!“

Die Klasse erarbeitete danach einen Fragebogen für den Besuch im „BiZ“, Agentur für Arbeit Tauberbischofsheim. Andreas Göttfert und Carolin Krank ließen dank ihrer klaren Ansage und den deutlichen Informationen manchen irrealen, an unserer Leistungsgesellschaft komplett vorbeigehenden Wunschtraum platzen und vermittelten in aller Deutlichkeit, was Sache, Forderung und Ziel ist. Wieder klare Information und damit Motivation, Deutsch als Schlüssel für alles zu erfassen, Selbstinitiative zu ergreifen und von den ständigen Ausreden wegzukommen, zusammengefasst: ohne sehr gute Deutschkenntnisse ist alles nichts!

An den Projekttagen zu Schuljahresende organisiert Deutschlehrer Daub eine Fahrt ins Technikmuseum nach Sinsheim. Dieses Projekt war zunächst klassenintern konzipiert worden, bevor auch andere Schüler aus normalen Klassen daran teilnehmen konnten – wieder eine Chance, Deutsch mit Deutschen zu reden, das Gelernte anzuwenden und neue Kontakte zu knüpfen.

Artikel und Fotos: Klaus Schenck (2017)

Klaus Schenck: „Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie“. S. 146f.  Bange-Verlag, 2020, 16 € Stopp, ich will die Restbestände bis Ende April 2025 verkauft haben durch eine Sonderaktion: das Buch für 9,90 Euro!  Flyer: https://www.klausschenck.de/ks/downloads/f02-buch-1.-flyer-ueberblick-internet.pdf oder als Animation: https://www.youtube.com/watch?v=woFEVPALHUQ

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Schul-Sendungen: www.youtube.com/user/financialtaime
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„Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie“/Bange-Verlag 2020:
Info-Flyer: Download

Über den Autor

Klaus Schenck unterrichtete die Fächer "Deutsch", "Religion" und "Psychologie". Er hatte 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 1.500 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Interessierte öffnet.

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