J. Zeh: „Corpus Delicti“/Interpretation in Briefform

Liebe Schülerinnen und Schüler,

was will „Corpus Delicti“, noch deutlicher: „Was will Juli Zeh? Sie will vor einem Überwachungsstaat warnen, der vorgibt, alles besser zu wissen als die Bürger selbst, was für sie gut und was für sie schlecht ist. Ein Staat, der vorschreibt, was wo zu tun, wie zu leben ist und was Glück heißt. Zeh warnt vor einem Staat, der den Körper zum Zentrum des Menschen, zur Staatsideologie macht, einem Staat, der Individualität, Privatsphäre, eigene Lebensentwürfe, Ideen und Spinnereien als staatsfeindliche Umtriebe rigoros bekämpft, Individuen verfolgt, foltert und vernichtet. Die Staatsräson „Gesundheit“ hat sich in eine Gesundheitsdiktatur verwandelt – mit allen Formen einer Diktatur. Nun werdet ihr sagen: Schön, spannend, aber was hat dies mit mir zu tun? Zeh nimmt unser gegenwärtiges Leben, besonders das Internet, ins Visier und fragt dann weiter: Wie wird aus unserem Verhalten heute der Überwachungsstaat von morgen? Die METHODE, die im Buch für Überwachung steht, ist aus Zehs Sicht das mögliche Ergebnis unseres heutigen Tuns, unserer heutigen Unbekümmertheit, unserer heutigen Entwicklung weltweit. Der vernetzte Mensch im Netz großer Internet-Konzerne, die die persönlichen Daten absaugen, mischen, gekonnt zusammensetzen und den User besser charakterisieren, seine Wünsche genauer beschreiben, ihm präziser Bücher, Reisen und Partner anbieten, als er es je zu hoffen gewagt hätte: schnell, problemlos, einfach – ein Klick und man hat’s, zwei Klicks und es wird geliefert und vielleicht braucht man drei Klicks, die Retoure zu regeln. Und überall Datenspuren. Dazu kommen die sozialen Medien: die ständige Präsentation von uns – im Wunsch-Licht, mit Idealkörper nach vorgegebenen Maßen, Herr über die eigenen Möglichkeiten, Frau über den durchtrainierten Körper und alles ist auf Sichtbar getrimmt, auf Klicks, Likes, Bewunderung: Ich werde gesehen, also bin ich!

Zeh kritisiert die Abschaffung des Bargeldes, weil die unterschiedlichen Bezahl-Apps unsere Finanz-Spuren offenlegen. Sie kritisiert die Eltern, die ihre Kinder an „Sicherheits-Watte-Orte“ packen – Orte, wo nichts passieren kann, an denen aber auch Wachstum durch Scheitern sicherlich verhindert wird. Sie kritisiert unser Streben, nicht nur stets das Richtige zu tun, sondern uns auch ständig optimieren zu wollen – bei der Arbeit, der Ernährung, beim Lebensstil, bei der Liebe und im Bett, Leistungstypen im Optimierungs-Rad, ohne klares Wohin, dafür aber immer schneller.

Und nun ein ehrlicher Schluss: Das Buch machte mich zu keinem Zeh-Fan! Ich treibe Sport, weil es Spaß macht, sich körperlich zu fordern, es macht Freude, an eigene Grenzen zu gehen und am Abend vor Muskelkater kaum ins Bett zu kommen. Und ja, ich habe eine Apple-Watch und der „Health“-Bereich ist bei mir installiert. Ich habe drei Internet-Kanäle, dafür keine sozialen Medien, mir gibt ein videoüberwachter Bahnhofsvorplatz Sicherheit, ich habe die Corona-Vorschriften akzeptiert, auch wenn mich die angelaufene Brille beim Maskentragen „tierisch“ nervte, ich benutze Bargeld und EC-Karte, diese mehr als vor Corona, und nun die härteste Gegenposition: Ich entziehe weder meinen Eltern, noch meinen Freunden, noch dem Staat oder mir selbst das Vertrauen, der Vertrauensentzug ist ja ein Zentrum Ihres Buches, Frau Zeh. Mein Credo lautet: Ich bin dankbar für meine Eltern, meine Freunde, den Staat und für mein Leben, deswegen bin ich noch lang kein „Schlafschaf“, kein stromförmiger Ja-Sager, kein blinder Internet-Fuzzi, kein Körper vernarrter Super-Asket, ich wäge ab – kritisch, in Stille in mir, ich suche Kompromisse zwischen Internet-Nutzung und Verweigerung, ich suche Kompromisse zwischen Zeitgeist und eigenen Werten. Ihre Kompromisslosigkeit, die mir in Ihrem Buch aufs Auge gedrückt wurde, störte mich, Frau Zeh, und Orientierung gab mir das Buch auch nicht, aber ich habe über vieles nachgedacht und den Zeitgeist klug in Ihrem Buch gespiegelt gesehen, und dafür danke ich Ihnen!

Lest das Buch, begegnet euch selbstkritisch im Roman, aber entscheidet dann eigenständig, wie ihr mit der Warnung, der Botschaft, der Intention umgeht!

Klaus Schenck

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Klaus Schenck, OSR. a.D.
Fächer: Deutsch, Religion, Psychologie
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„Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie“/Bange-Verlag 2020:
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Über den Autor

Klaus Schenck unterrichtete die Fächer "Deutsch", "Religion" und "Psychologie". Er hatte 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 1.500 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Interessierte öffnet.

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