5. Flüchtlingsartikel (2017): Gedanken, Gefühle, Tipps aus der Unterrichts-Realität

Liebe Sprachlehrerinnen und Sprachlehrer,

dieser Abschlussartikel zum Flüchtlingsunterricht ist eigentlich nur für Sie: Wenn Sie nur Positives zum VABO-Unterricht lesen, von eigenem Anspruch und idealistischen Träumen durchdrungen sind, akzeptieren Sie ganz einfach die Realität: Sie haben es bei Ihren Flüchtlingen oft mit Bildungsfernen zu tun, die möglicherweise in ihrem Heimatland noch nie eine öffentliche Schule von innen sahen und nun glauben, nach ein bis zwei Jahren Sprachunterricht an die Uni gehen zu können, um Medizin zu studieren. Seien Sie von diesen paradoxen Berufswünschen nicht überrascht, in deren Heimatländer zählt nur das Studium, um angesehen zu sein, nicht das Handwerk. Und vergessen Sie auch die Mär von Studenten und Akademikern, die aus fernen Landen zu uns kommen, hier Deutsch lernen, um dann sich als Zahnarzt in Deutschland niederzulassen. Das mag es geben, es sind aber absolute Ausnahmen und diese Ausnahmen werden nicht in Ihrem Flüchtlingskurs sitzen. Schrauben Sie einfach mal Ihre Ansprüche an sich und an die Flüchtlinge runter, schauen Sie, dass die Willigen gut Deutsch lernen, aber „verbluten“ Sie nicht an den Unwilligen, haben Sie die notwendige Distanz zu Ihrem Ideal und zu Ihren Schülern, um diese nicht zu überfordern und selbst nicht überfordert zu werden.

Ein Wort zu Fortbildungen: Manche der Fortbildnerinnen hatten einen missionarischen Eifer, nicht nur für ihre „geniale“ Methode, sondern auch für ihre emotionale Einstellung zu Flüchtlingen und drückten diese jedem von uns aufs Auge – bis sich eine Kollegin dagegen verwahrte. Lassen Sie sich also nicht unter Druck setzen! Ich wiederhole mich: Eine gewisse Distanz zu Beruf, Schülern und Fortbildnern ist ein gesundheitsfördernder Schutzschild.

Wenn Sie sich schwer beladen durch die Schule schleppen, werden es Flüchtlinge sein, die ihnen spontan helfen und die Sachen für Sie tragen, während Sie das kaum von deutschen Schülern erwarten können. In der Stadt, der Einkaufszone geben Ihnen Ihre Sprachschüler die Hand und fragen, wie es Ihnen geht. Sie leben eine Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, die unserer Gesellschaft immer stärker abhandenkommt. Als wir bei unserer traditionellen Lehrerfahrradtour über eine hohe Bahnhofsbrücke zu den Gleisen mussten, packten mehrere Flüchtlinge die schweren E-Bikes und trugen sie bis auf die andere Seite, sodass wir dann ganz knapp noch den Zug erreichten. Ähnlich Positives hörte ich von einer Bekannten in Blick auf Gastfreundschaft.

Bei allen Problemen, die wir mit den gefühlten „Flüchtlingsmassen“ bei uns haben, in Blick auf Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft können wir etwas von den Sprachschülern aus fernen Landen abschauen und wieder bei uns lebendig werden lassen.

Klaus Schenck (2025)

2017: Gedanken und Tipps aus der und für die Unterrichtsrealität

  • Was mir sehr zu denken gab, war ein Zitat aus dem BLV-Magazin (2017-1, S. 29) „Andere VABO-SuS arti­kulieren ganz offen, dass sie nicht Deutsch lernen wollen, da aus ihrer Sicht keinerlei Notwendigkeit bestehe, denn sie bekämen ‚als refugees‘ immer alles, was sie bräuchten: … und falls dieses nicht reiche, könne man auch ohne Sprachkennt­nisse legal und illegal arbeiten.“ Unser Staat als ausquetschbare Zitrone, von dem man alles fordert, dem man aber nichts schuldet? Das empört mich, eine ungemeine Wut steigt in mir auf und ich denke nur: „Junge, schwimm zurück!“ Und: Abschie­bung, und zwar rigoros in Blick auf diese Staatsausbeuter und Missbraucher unseres guten Willens. Dieses Zitat aus der Leh­rer-Zeitung aber hilft mir, Reaktionen und Engagement-Verweigerungen nicht gegen mich, gegen meinen Einsatz zu verstehen, sondern als eine in diesen Ländern übliche Einstel­lung zu akzeptieren – nicht zu tolerieren, aber mit einer Portion Distanz damit umzugehen. Das Scheitern dieser Flüchtlinge ist meist vor­programmiert, und zwar bei der Ausbildung, beim Berufsschulunterricht nach unserer VABO-Zeit. Also engagiere ich mich gegen dieses Scheitern für die Willi­gen, in meiner Klasse bilden sie die Mehrheit, und bändige meine Emotionen gegenüber den Unwilligen und ihrem deutlich gezeigten Desinteresse.
  • Für die Schnelleren im Unterricht kopierte ich Übungsblätter mit Lösungen aus einer anderen Grammatik. Der Kurs beschwerte sich, warum ich nur für die Besseren kopierte und nicht für sie? Ein bis zwei Wochen wurden die Übungen abgearbeitet, dann hieß es, sie seien zu leicht. Also kaufte ich eine Grammatik für B1-Niveau, kopierte wieder die Übungen und die Lösungen konnten bei mir einge­sehen werden. Es bestand aber bald kein Interesse mehr. Ich brachte die gelesene Zeitung des Vortags in den Unterricht und jeder, der mit der Übung fertig war, konnte sich Teile von ihr nehmen. Beschwerde: „Warum ist die Zeitung von gestern und nicht von heute?“ Man sitzt lieber unbeschäftigt im Raum, ruft aber alle naselang: „Ich bin schon fertig, ich bin schon fertig!“ und erwartet, dass ich nun weitermache nach dem Motto „schneller, schneller, schneller“! Nebenbei, die sogenannten Guten sind ansatzweise im Sprechen gut, aber nicht im Schreiben und schon gar nicht in Alltagssituationen, die außerhalb des „Unter­richts-Biotops“ sind. Eine nor­male Lautsprecherdurchsage während des Unterrichts wurde nicht ansatzweise verstanden. Ihre Selbstüber­schätzung ist so groß wie ihre Sprachfähigkeit klein ist. Die Blindheit gegenüber der eigenen Unfähigkeit ist Teil des Problems. Nur wer seine eigene Unvollkommenheit und Bedürftigkeit akzeptiert, wird zur Kraftanstrengung der Änderung bereit sein und für diese alles geben. Ich unterlasse nun allen Zusatz-Schnickschnack, mache systematisch die Übungen, das „schneller-schneller“-Gerufe prallt jetzt an mir ab, der Klassenarbeitsschnitt liegt zwischen 3,2 und 4,2, und das erdet die ständig „schnel­ler“-Rufer. Mit einem klaren Grammatik-Unterricht kommt wirklich viel ´rüber, wichtig ist der Druck der ständigen Tests/Klassenarbeiten, der wirkt mehr als alle Worte. Zweimal die Vokabeln der Lektion nicht übersetzt ins Vokabelheft ge­schrieben, ergibt eine Stunde „Ar­rest“ im Unterrichtsraum mit meinen Abiturienten, auch das wirkt – und so läuft es nun richtig gut mit klaren Fortschritten.
  • Betrachte ich mein Tun als sinnvoll? Bei klarer Leistungsanforderung, dank Tests und Noten, durch „klare Kante“ und sofortige Klas­senbucheinträge und Sanktionen bei Verstößen geht es gut voran, nicht jeder wird aber den Anforderungen der Ausbildung gerecht werden. Viele werden an drei Dingen scheitern: fehlende Deutsch-Kenntnisse, fehlende Eigeninitiative, fehlende Sekundärtugenden. Wir tun alles, dies ihnen klar zu machen – mit wechselndem Erfolg. Ich stehe hinter einem konsequenten Ab­schieben, in Asylanten-Augen macht sich unser Staat lächerlich und bietet sich zum Ausbeuten an. Wenn wir uns auf die Be­dürftigen und die Willigen konzentrieren könnten, wäre es machbar – mit mehr Deutsch-Unterricht, Hausaufgaben-Betreu­ung, Zusatzunterricht an der Berufsschule während der Ausbildung. Freiwillig oder unfreiwillig werden früher oder später auch Schüler von uns wieder in ihrer Heimat landen. Sie haben in Deutschland andere Umgangsformen, andere Einstellungen und eine andere Sprache kennengelernt, das wird sie verändern und mit dieser Veränderung in Kopf und Herz kehren sie zurück und werden in ihrer Heimat zu Keimzellen einer dortigen Veränderung, eines Brü­ckenkopfes zu uns. Und genau aus dieser Vision schöpfe ich meine Kraft zu engagiertem, zielorientiertem Unterricht, diese Vision macht mich unabhängig von meiner starken Skepsis einer gelingenden Berufsintegration: Ja, mein Deutsch-Unterricht macht Sinn!

Meine Botschaft zum Schluss an alle VABO-Lehrkräfte: Fin­den Sie Ihren Stil – auch gegen die extrem arbeitsintensi­ven, su­per-tollen, super-enga­gierten Vorschläge von Fortbildnerinnen, Medien-Gurus und Methoden-Fuzzis. Auf den Lehrer kommt es an und der sind Sie! Sie haben neben Flüchtlingen noch viele andere Schüler, die Sie brauchen, die ein Recht auf Ihr Engagement haben. Ihr authen­tischer Unterricht überzeugt, auch wenn dieser sich deutlich von dem der Kollegen und irgend­wel­chen Teams un­terscheidet, fordern Sie Ihr Recht auf ei­genständigen Unterricht und machen Sie Ihr auf Sie zugeschnittenes und dadurch erfolgreiches „Deutsch-Ding“ – zum Wohle der Schüler, zur Befriedigung für Sie!

Klaus Schenck (2017)

Klaus Schenck: „Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie“. S. 148-150 (gekürzt).  Bange-Verlag, 2020, 16 € Stopp, ich will die Restbestände bis Ende April 2025 verkauft haben durch eine Sonderaktion: das Buch für 9,90 Euro!  Flyer: https://www.klausschenck.de/ks/downloads/f02-buch-1.-flyer-ueberblick-internet.pdf oder als Animation: https://www.youtube.com/watch?v=woFEVPALHUQ

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Klaus Schenck, OSR. a.D.
Fächer: Deutsch, Religion, Psychologie
Drei Internet-Kanäle:
Schul-Material: www.KlausSchenck.de
Schüler-Artikel: www.schuelerzeitung-tbb.de
Schul-Sendungen: www.youtube.com/user/financialtaime
Trailer: Auf YouTube ansehen
„Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie“/Bange-Verlag 2020:
Info-Flyer: Download

Über den Autor

Klaus Schenck unterrichtete die Fächer "Deutsch", "Religion" und "Psychologie". Er hatte 2003/04 die Schülerzeitung "Financial T('a)ime" (FT) zunächst als Printausgabe ins Leben gerufen, dann 2008 die FT-Homepage, zwei Jahre später die FT-Sendungen auf YouTube (www.youtube.com/user/financialtaime) , zusätzlich ist noch seine Deutsch-Homepage (www.KlausSchenck.de) integriert, sodass dieses "Gesamtpaket" bis heute täglich auf rund 1.500 User kommt. Mit der "FT-Abi-Plattform" wurde ab 2014 das Profil für Oberstufen-Material - über die Schülerzeitung hinaus - geschärft, ab August 2016 ist wieder alles in einer Hand, wobei Klaus Schenck weiterhin die Gewichtung auf Schulmaterial beibehält und die Internet-Schülerzeitung (FT-Internet) bewusst auch für andere Interessierte öffnet.

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